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SturmEcho #330: Das Meisterstück

Die 330. Ausgabe des SturmEchos steht ganz im Zeichen des dritten Meistertitels der Klubgeschichte und seiner Protagonisten.

 

Der Erfolgstrainer. Franco Foda erklärt im exklusiven Interview, warum sich der Triumph in der österreichischen Bundesliga noch immer wie ein Märchen anfühlt.

 

Die Legende. Auch er war bei allen drei Titeln dabei – allerdings jeweils als Spieler: Mario Haas. Das SturmEcho erzählt, warum sich das Sturm-Urgestein mit diesem Erfolg endgültig zur lebenden Legende machte.

 

Der Youngster. Zur Legende fehlen Florian Kainz noch zwei Jahrzehnte, dennoch darf sich auch der Flügelflitzer schon mit 18 Jahren Meister schimpfen. Warum sein Stern mit einer Gurke aufging, weiß das SturmEcho.

 

Der Glücksbringer. Nicht zwei aber zumindest ein Jahrzehnt fehlt Nachwuchstormann Luka Maric wohl noch zum ersten Titel mit Sturm. Und doch hatte der achtjährige Sohn des schwarz-weißen Zeugwarts schon heuer Anteil am Überraschungstriumph.

Totgeglaubte leben meisterlich

(Text: Clemens Ticar / Foto: GEPA pictures)


Sturm Graz war beinahe tot. Damals, 2006. Sieben Jahre nachdem Ivica Osim Sturm zum zweiten Meistertitel gecoacht hatte. Wenig sprach dafür, dass Sturm jemals wieder österreichischer Meister werden würde, dass Sturm die oberste Spielklasse halten darf. Sturm Graz war damals beinahe tot.

 

Tausende Menschen hatten etwas dagegen, und sechs von ihnen taten operativ alles um das Ende zu verhindern. Christian Jauk, Hans Rinner, Hans Fedl, Gerhard Marbler, Michael Drexel und Stefan Fattinger trieben Gelder auf, verhandelten nächtelang und erwirkten schlussendlich so den Zwangsausgleich. Auch wenn Christian Jauk schon früher die Misere erkannte und einen Rettungsplan für Sturm Graz erarbeitete, so ist es doch Hans Fedl, der 2006 federführend agierte, der die Sechsergruppe, die durch die heutige Führungsetage mit Gerald Stockenhuber und Günter Niederl später erweitert wurde, zusammenhielt.

 

Jetzt, fünf Jahre später ist Sturm Graz österreichischer Fußballmeister. „Mit dem Meistertitel ist für viele Sturm-Fans und für mich ein Traum in Erfüllung gegangen“, freut sich der ehemalige Finanzvorstand Christian Jauk und sagt weiter: „Niemand hätte sich nach der Insolvenz vorstellen können, Cupsieg und Meistertitel so schnell danach feiern zu dürfen. Wenn heute zehntausende Fans am Grazer Hauptplatz den Meistertitel bejubeln, dann vergesse ich auch nicht die einsamen persönlichen Stunden, beim Geldauftreiben in Millionenhöhe zur Finanzierung des Ausgleichs Ende 2006.“ Auf seine Art kerzengerade sieht Hans Fedl die Situation: „Das ist ein wunderschönes Geschenk, weil es so völlig unverhofft dazu gekommen ist. Der letzte Titel ist immer der schönste – damit hat bis wenige Wochen davor niemand gerechnet“, weiß der Ehrenpräsident. Und gratuliert dem Team rund um Franco Foda zum Meistertitel. Klar. Jeder tut das momentan. Und das absolut gerechtfertigt. Der Vater des sportlichen Erfolgs ist und bleibt nämlich der Mainzer, der 1997 zu Sturm gekommen ist, zwei Mal als Spieler mit den Grazern Meister wurde und danach jede erdenkliche Trainerposition im Verein bekleidete. Bis er dann 2006 einen Verein übernommen hat, bei dem niemand wusste, wie es weitergeht. Auch er nicht. Kontinuierlich hat er es geschafft, eine Mannschaft zu formen, die jedes Jahr das zuvor erreichte um eine Spur übertraf. Kein Problem, man spielt sich doch ein, ist man geneigt zu sagen. Nix da. Nicht bei Sturm. Die Abgänge die Franco Foda jedes Jahr aufs Neue kompensieren musste, füllen eine lange – qualitativ hochwertige – Liste.

 

Seine erste ganze Saison als Cheftrainer musste Franco Foda mit einem Punkterückstand von 13 Punkten beginnen. Die Alternative: Regionalliga Mitte. Christian Jauk schaffte es damals die Styria Medien AG, die Raiffeisen Landesbank und die Grazer Wechselseitige davon zu überzeugen, dass sich eine Investition bei Sturm Graz auszahlt. Der damalige Präsident Hans Rinner sprach dann am 25. Jänner 2007 die berühmten Worte: „Sturm ist frei.“ Und sagte damit gleichzeitig: Sturm darf in der obersten Spielklasse bleiben, Franco Foda darf einen Bundesligaklub trainieren. Einen Bundesligaklub, mit 13 Punkten Minus.

 

Trotzdem erreicht Schwarz-Weiß Platz Sieben (ohne Punkteabzug wäre es der Vierte gewesen) und kann in der obersten Spielklasse bleiben. Der erste Schritt war geschafft – der Abstieg hätte wohl fatale Folgen gehabt. Und als dann Sturm auch mit gleich vielen Punkten wie alle anderen Mannschaften – nämlich Null – starten durfte, waren die Steirer ein ernst zu nehmender Kandidat für einen Spitzenplatz. Auch dank neuer Spieler.

 

In der Transferzeit vor der Saison 2007/2008 kamen unter anderem Marko Stankovic und Samir Muratovic´ zu Sturm Graz. Diese beiden Spieler sollten maßgeblichen Anteil daran haben, dass Sturm wohl den attraktivsten Fußball in Österreich spielte, dass man wieder Sturm schauen ging, dass Sturm Graz einfach wieder Sturm Graz war. Bereits in der ersten Saison konnte man sich den Titel des Winterkönigs sichern, kaufen kann man sich davon wenig, Werbung in eigener Sache ist es dennoch. Eine durchwachsene Herbstsaison bedeutete den vierten Rang und das Comeback auf der internationalen Bühne – auch wenn es nur der UI-Cup war. Schachtor Soligorsk und Honved Budapest wurden ausgeschalten, am FC Zürich scheiterte man unglücklich im Elfmeterschießen – Peter Hlinka und Fabian Lamotte trafen nicht ins Tor.

 

Zuvor hatte sich aber die Abgangsliste der Schwarz-Weißen um einige prominente Stellen erweitert. Sebastian Prödl wurde nach Bremen verkauft, Jürgen Säumel verließ Sturm in Richtung Italien. Trotzdem schaffte es Foda die Mannschaft zu formen, wieder beendete man die Saison auf Platz Vier – diesmal nach dem Herbstmeistertitel. Highlights dieser Saison waren etwa das 6:5 gegen Mattersburg oder der 3:1-Sieg in Wien-Favoriten mit Haas’ Jahrhunderttor.

 

Und dann kam der wohl größte Auftritt von Fodas Partner Oliver Kreuzer. Mit dem jungen kroatischen Innenverteidiger Gordon Schildenfeld stand plötzlich ein Leihspieler bei Sturm am Trainingsplatz, der spätestens nach seinem ersten Pflichtspiel alle Sturm-Fans auf seiner Seite wusste und die Abwehr dirigierte. Gleichzeitig waren auch Manuel Weber und Haris Bukva aus Kärnten nach Graz gekommen, Daniel Beichler und Jakob Jantscher spielten sich immer stärker in den Mittelgrund, und mit Klemen Lavricˇ kam dann – ganz am Ende der Transferperiode – noch ein Stürmer an Board, dessen Verpflichtung im Frühjahr fruchten sollte. Im Herbst war Daniel Beichler in Top-Form, schoss gegen Metalist Kharkiv auswärts ein wunderbares Tor und Sturm so in die Europa League-Gruppenphase. Auch wenn gegen Dinamo Bukarest, Galatasaray Istanbul und Panathinaikos Athen nicht viel zu holen war – Sturm war in Europa wieder eine Marke, war wieder international vertreten.

 

Dadurch, dass der Fokus im Herbst klar auf den internationalen Bewerben lag, hatte Sturm kaum Möglichkeiten in die Meisterschafts-Entscheidung einzugreifen. Zu Saisonende war man abgeschlagen Vierter. Und hatte trotzdem einen Titel. 4:2 gegen TSV St. Johann, 1:0 gegen Wattens, 2:0 gegen Red Bull Salzburg – die Schneeschlacht, 1:0 gegen Admira Wacker Mödling – das Kopfballtor von Jantscher in der 118. Minute, das 1:0 gegen Ried – in dem sich Klemen Lavric erstmals als Cup-Held hervortat, das 1:0 gegen Wiener Neustadt in Klagenfurt vor 28.000 Menschen. Der Cup-Titel ging nach Graz, Schwarz-Weiß war wieder in Europa vertreten. Und hatten in der Saisonvorbereitung wieder einige Unklarheiten zu beseitigen.

 

Jakob Jantscher und Daniel Beichler verließen Sturm in Richtung Salzburg und Berlin, Imre Szabics kam nach langer Abwesenheit zurück, Gordon Schildenfeld konnte gehalten werden, bei Roman Kienast wurde die Option gezogen, Peter Hlinka verließ den Verein, Fabian Lamotte und Ilia Kandelaki ebenso, Dominic Pürcher kam von Hartberg zurück, Joachim Standfest von der Wiener Austria, dafür entschied sich Mario Sonnleitner dazu in Wien bei Rapid sein Geld zu verdienen. Diese Liste lässt sich noch lange weiterführen.

 

Fakt ist: Viel war von der Stamm-Elf nicht mehr so, wie es im Vorjahr war. Viel schien für Sturm nicht möglich. Durch das Versprechen von Franco Foda bei der Cup-Feier, sich im Falle des Meistertitels die Haare schneiden zu lassen, beflügelt (und taktisch vom Coach exzellent eingestellt) wuchs die Mannschaft über sich hinaus. Und konnte den dritten Bundesliga-Meistertitel der Vereinsgeschichte einfahren. Bundesliga-Präsident Hans Rinner beschreibt diesen so: „Die Tellerübergabe in Liebenau war für mich wesentlich emotionaler als im Vorjahr der Pokalsieg mit der schwarz-weißen Völkerwanderung nach Klagenfurt. Der Meistertitel ist ganz einfach das Höchste. Mit ein wenig Abstand genießt man den Erfolg mehr, als man ihn als direkt Verantwortlicher – wie im Vorjahr in Kärnten – realisieren kann.“ Sturm Graz lebt. Vielleicht mehr als je zuvor.

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